Anna-Lena Herkenhoff
Wolf
Biermann
und seine
Gedichte
„Rücksichtslose
Schimpferei“
und
„Über das
Elend der Philosophie“
1.2.3
Biermann als Liedermacher
2.1 Die DDR Literatur im Schatten des sozialistischen
Realismus
2.2 Biermann der Systemkritiker
3. Interpretationen von zwei Gedichten
3.1 Interpretation des Gedichtes „Rücksichtslose
Schimpferei“
3.1.1.
Immanente Interpretation
3.1.2 Die
„Rücksichtslose Schimpferei“ im Kontext des sozialistischen Realismus
3.2 Interpretation des Gedichtes
"über das Elend der philosophie"
3.2.1
Immanente Interpretation
3.2.2 „Über
das Elend der Philosophie“ im Kontext der Marxistischen Philosophie
3.3 Vergleich der beiden Gedichte
4. Die Bedeutung der Gedichte für die Literatur der DDR
Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann wurde am 15. November 1936 in Hamburg geboren. Er ist einer der bedeutendsten Systemkritiker seiner Zeit und spielt gerade deshalb eine zentrale Rolle in der Kultur- bzw. Literaturgeschichte der DDR. Im Alter von 17 Jahren übersiedelte er freiwillig in die DDR und folgte so ideologisch gesehen dem Vorbild seines Vaters, der 1943 als Mitglied des Kommunistischen Widerstandes in Auschwitz umgebracht worden war. Anschließend an den Abbruch des Studiums der politischen Ökonomie schloss Biermann ein Philosophie- sowie Mathematikstudium ab; Gleichzeitig widmete er sich am von Bertolt Brecht gegründeten „Berliner Ensemble“ als Regieassistent der Theaterarbeit.
Während seiner Studienzeit um 1960 begann er Gedichte zu schreiben und zu Komponieren. Seine Frühen Gedichte veröffentlichte Biermann in DDR-Zeitungen sowie in seinen ersten Anthologien „Liebesgedichte“ (1962) und „Sonnenpferde und Astronauten“ (1964).
Zur gleichen Zeit Gründete er mit Freunden das „Berliner Arbeiter- und Studententheater“, das jedoch bereits vor der Premiere geschlossen wurde. Biermanns offensichtlich auch damals dem Bürokratenstaat der DDR schon zu kritische Inszenierung des Stückes „Berliner Brautgang“ über den Mauerbau führte außerdem zu einem ersten Auftrittsverbot bis 1963.
Im gleichen Jahr wurde Biermann von der SED ausgeschlossen, obwohl er bereits 2 Jahre lang auf Mitgliedschaft kandidiert hatte.
Nach dem Erscheinen seines Gedichtbandes „Die Drahtharfe“ 1965 erhielt er Aufgrund von „Klassenverrat und Obszönität“[1] ein Publikations-, Auftritts- sowie Ausreiseverbot, welches erst 1976, 11 Jahre später, wieder aufgehoben wurde. Während dieser Zeit wurden seine Texte nur noch in Westdeutschland öffentlich vertrieben. Innerhalb der DDR verbreiteten sich seine Gedichte und Lieder aufgrund des Verbots durch (illegale) Handabschriften oder Tonbandaufnahmen.
1976 gewährte man Biermann ein Visum für eine Tournee durch die B, die jedoch letztendlich seine Ausbürgerung zur Folge hatte. Die Behörden argumentierten damit, seine Kunst richte sich gegen die DDR und den Sozialismus generell. In Anbetracht der Tatsache, dass sich Biermann in den folgenden Jah-
ren seiner Karriere in der BRD ausdrücklich auf seine sozialistische Einstellung berief, lässt erahnen, dass man sich hier schlicht und einfach eines schon lange lästigen Widersachers entledigt hat, der dem System aufgrund seiner kritischen Stimme schon längere Zeit ein Dorn im Auge war. Somit trafen die DDR Behörden die Wohl zentralste Entscheidung der gesamten Kulturgeschichte der DDR: Die Ausbürgerung Biermanns zog eine ungeahnte Protestwelle vieler bedeutungsvoller Künstler nach, der unter anderem Manfred Krug oder Nina Hagen sowie wichtige DDR Schriftsteller wie z. B. Sarah Kirsch angehörten. Viele siedelten nach Westdeutschland über, andere blieben und erhielten aufgrund ihres Protestes gegen Biermanns Ausbürgerung Veröffentlichungsverbot oder wurden festgenommen.
1989 trat der in seiner Wahl-Heimat mittlerweile zum Mythos erklärte Biermann erstmals nach seiner Ausbürgerung wieder in der DDR auf. Erstaunlicherweise wurde dieser Auftritt von West- sowie auch DDR-Fernsehen in voller Länge übertragen.
Auch in Westdeutschland galt Biermann schnell als Kritiker, da er in seiner Lyrik nicht nur seine eigene sowie die Zerrissenheit Deutschlands reflektierte, sondern auch zum aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehen eine eher umstrittene Meinung vertrat und diese bis heute auch sehr entschlossen zu äußern weiß.
An seiner teilweise sehr radikalen Meinungsäußerung zeigt sich bis heute, wie stark ihn das Leben unter der Parteidiktatur der DDR beeinflusst und geprägt hat. Heute lebt Wolf Biermann in Hamburg, schreibt nach wie vor Lieder und Gedichte und mischt sich weiterhin oft mit kritischer Stimme in politisches und gesellschaftliches Geschehen ein.
Die hintergründigen Motive der Texte Biermanns drehen sich generell um Politik und Systemkritik, oft umrahmt von nüchterner Selbstreflexion oder beispielsweise Geschichten über scheiternde Beziehungen, jedoch fast immer erzählt anhand von auf politische Missstände hinweisenden Metaphern. Spätestens in seinem Gedichtband „Die Drahtharfe“ begann Biermann die Zustände und das System der DDR so offensiv zu kritisieren dass er letztendlich ein 11 Jahre andauerndes Auftrittsverbot erhielt. Seine Texte thematisieren in diesem sowie im folgenden Gedichtband „Mit Marx- und Engelszungen“ (1968) hauptsächlich die erhebliche Fehlinterpretation des Sozialismus in der Ein-Parteien-Diktatur der DDR, was ihn bei den Behörden natürlich als Staatsfeind brandmarkte und so zum Verbot seiner Texte führte.
Biermann war ein begeisterter Anhänger des „frühsozialistischen“ Dichters Heinrich Heine. Teilweise vertonte er auch Gedichte von ihm, beispielsweise „Wie schändlich Du gehandelt“, erschienen auf der Langspielplatte „Liebeslieder“ von 1975.
Einen weiteren großen künstlerischen Einfluss in Biermanns Anfangsjahren stellte Bertolt Brecht und so auch vor allem der Komponist Hans Eisler dar, da dieser am „Berliner Ensemble“ Brecht-Texte vertonte und außerdem eine große Unterstützung für ihn war.
Biermann ist in erster Linie Liedermacher, sein „Gesang“ ist jedoch eher eine mit Gitarrenbegleitung und äußerst dynamischem Sprechgesang vorgetragene Lyrik; die Bandbreite seiner Stimme reicht von erstaunlich hohen Tönen über nölendes Schnarren bis zu aggressivem Schreien und ab und zu tatsächlich richtigem Gesang.
Durch den fast ausschließlich durch Moll-Akkorde und Zwischenspiele begleiteten, meistens sehr dramatischen „Gesang“ haben seine Lieder meist eine melancholische, zeitweise in Selbstmitleid ausufernde Grundstimung, die dem Zuhörer auf Dauer etwas anstrengend werden kann. Doch genau das ist es, was Wolf Biermann letztendlich auszeichnet: die Stimme des ständigen Kritikers.
Direkt nach der Niederlage des Nationalsozialistischen Regimes war man in der Sowjetischen Besatzungszone Ostdeutschlands darauf bedacht, vor dem Hintergrund der „antifaschistischen demokratischen Erneuerung“ die Menschen vom Nationalsozialistisch verseuchten Gedankengut wegzuführen und im Sinne des Humanismus und der Demokratie umzuerziehen, wozu die Literatur natürlich einen entscheidenden Beitrag leisten kann. Um diesen antifaschistischen, demokratischen Charakter aufrechtzuerhalten gab sich die Regierung überparteilich, indem sie viele bedeutungsvolle nicht-sozialistische Schriftsteller für sich bzw. für die DDR gewann.
Diese liberal gestalteten Kulturlandschaft wurde jedoch ab 1949 mit der Gründung der DDR ein Ende gesetzt. Der Schwerpunkt der Literatur unterlag nun dem Prinzip des „sozialistischen Realismus“: Um zum Aufbau des Sozialismus beizutragen, mussten sich die Schriftsteller nun auf die Prinzipien Volkstümlichkeit und Nähe zum proletarischen Alltag beziehen. Beispielsweise durch Identifikationsfiguren in Form von Helden des Proletariats sollte Optimismus und Euphorie für den Sozialismus beim Volk geweckt werden. Die Literatur wurde elementar für die Verwurzelung der Parteiideologie in den Köpfen der Menschen, da geistiges Gut in der anti-kapitalistischen DDR natürlich eine sehr wichtige Rolle spielte. Durch diesen enormen Einfluss, bekamen die Literaten eine nicht zu unterschätzende Macht, weshalb sie auf der Grundlage der strengen Richtlinien des sozialistischen Realismus funktionalisiert werden sollten, damit das „Werkzeug Literatur“ zur Manipulation des Volkes in der Hand des Staates blieb.
An Anfang der 60er Jahre wurden die Daumenschrauben der Literatur vermeintlich etwas gelockert. Man gewährte den Schriftstellern einen größeren Spielraum in Gestaltung und Stil ihrer Texte, wahrscheinlich auch aus strategischen Gründen, da sich die Künstler eine solch enorme Einschränkung auf Dauer nicht hätten gefallen lassen. Natürlich drängten sich beispielsweise kritische Fragen nach dem Wert des Individuums im Kollektiv auf. Jegliche Kritik durfte sich allerdings nur auf die Differenzen zwischen real existierendem Sozialismus und Utopie beziehen, doch nie Ideologieangreifend werden. In diesem Fall wussten die Behörden der DDR konsequente Maßnahmen wie Publikationsverbote, Haftstrafen oder Ausbürgerungen zu ergreifen. Wie willkürlich der Grad der Kritik jedoch bestimmt werden konnte, zeigt die Ausbürgerung Wolf Biermanns, da er als bekennender Sozialist eben diesen Zustand der sozialistischen Realität in der DDR kritisiert hat und nicht die Philosophie des Kommunismus.
Wolf Biermann zählt zu den sehr systemkritischen Schriftstellern der DDR-Literatur. Zwar ist seine Ausdrucksweise meist sehr direkt und deutlich , also für die Masse der Menschen klar verständlich, doch der Inhalt der Texte widerspricht dem sozialistischen Realismus in jeder Hinsicht, indem beispielsweise auf den Wert des Individuums oder das Versagen des real existierenden Sozialismus der DDR eingegangen wird.
Biermann war wichtig und prägend für die Kulturlandschaft der DDR, denn seine niemals ruhende kritische Stimme und die daraus folgende Ausbürgerung zeigte einmal mehr die Willkür des Staates und löste eine riesige Protestwelle aus. Dieser Protest der vielen Künstler gegen die Ausbürgerung und deren daraus resultierenden Auswanderungen, Haftstrafen oder Verbote stellten einen enormen kulturellen Verlust für die Kulturlandschaft der DDR dar. Als wirkliches literarisches Vakuum ist dieser Zustand jedoch nicht zu bezeichnen, da viele Literaten nun begannen, sich ernsthaft mit den Geschehnissen und den allgemeinen Zuständen in Deutschland auseinender zu setzten.
Spätestens an diesem Punkt wurde klar, dass es unmöglich ist, Schriftsteller auf Dauer zu funktionalisieren und ihrem individuellen, kreativen Schaffen derart enge Grenzen zu stecken.
Das erste Gedicht aus dem Gedichtzyklus „Rücksichtslose Schimpferei von Wolf Biermann erschien 1965 in seinem Gedichtband „Die Drahtharfe“. Es thematisiert die Wut und Kritik an den Richtlinien des sozialistischen Realismus.
Die äußere Form des Gedichtes ist sehr unregelmäßig. Es besteht aus vier Strophen; die erste Strophe hat fünf Verse, die zweite sowie die letzte vier und die dritte Strophe umfasst acht Verse. Es ist weder ein durchgängiges Metrum noch ein Reimschema zu erkennen, es reimen sich lediglich in der ersten Strophe Vers 4 und 5 sowie in der zweiten Strophe Vers 1 und 2. Im vierten Vers ist weiterhin ein Binnenreim vorhanden. Durch diese Unregelmäßigkeiten, meist kurze, abgehackte Verse, wie auch diverse Zeilensprünge in Zeile 11/12, 15/16/17 und 19/20 entsteht ein zerhackter Rhythmus.
In dem in der Ich-Form geschriebenen Gedicht drückt das lyrische Ich expressiv mit teils appellativer Tendenz sein Verhältnis zu den politischen und gesellschaftlichen Missständen in der DDR aus.
Die erste Strophe erweckt sehr direkt und drastisch den Eindruck eines von Hass zerfressenen verzweifelten lyrischen Ichs. In der zweiten Strophe steigert sich das Bild dieser emotionalen Verfassung über Aggression und letztlich zu einer verweigernden und abweisenden Haltung gegenüber des in der Mehrzahl stehenden lyrischen Du. Die dritte Strophe wirkt bis auf die direkte (Auf)forderung „Stiert mich nicht so verständnisvoll an!“ (Z. 13) weniger stark von bloßen Emotionen geleitet, sondern vielmehr das lyrische Du durchschauend und konkret kritisierend. Die vierte Strophe drückt die Entschlossenheit des lyrischen Ich aus, indem deutlich gemacht wird, dass er unter keinen Umständen von seiner Einstellung abweichen und sich dem Druck des lyrischen Du anpassen würde.
Generell ist also eine Linie, angefangen mit solch starken Gefühlen wie Hass, Frustration und aggressive Ablehnung bzw. Abweisung über eine – immer noch relativ emotionale – Reflexion bis zur absoluten Entschlossenheit erkennbar.
Die durch Kursivdruck zusätzlich betonte dreifache Wiederholung des Pronomens „Ich“ (Z. 1) gleich zu Beginn des Gedichtes hebt das lyrische Ich als Individuum hervor, was einen äußerst provokanten Einstieg in das Gedicht darstellt und einen bissigen Beigeschmack hat. Das lyrische Ich will als eigenständige Persönlichkeit anerkannt werden, die Aufmerksamkeit durch diese Wortwiederholung quasi erzwingen von denen, die Individualismus nicht wünschen, da für die Existenz etwas derartigem in der Einheitlichen Gemeinschaft der DDR kein Platz ist. Die Ellipsen „bin voll Haß“ (Z. 2) und „bin voll Härte“ (Z. 2) reduzieren die Aussage auf ihr Wesentliches und lassen die genannten extremen Gefühle in den Vordergrund treten. Die „Härte“ bezeichnet hier die Abhärtung, die totale Resignation und endgültige Aufgabe der Akzeptanz gegenüber dem DDR Regime, dessen Verfälschung des Sozialismus den „Kopf“ des lyrischen Ich „zerschnitten“ (Z. 4) hat. Die Metapher des „zerschnittenen Kopfes“ (Z. 4) ruft sofort die Assoziation mit Verletzung und Schmerz hervor, wobei eine Verletzung des Kopfes mit Verstand oder in diesem Fall politischer Denkweise in Verbindung gebracht werden kann. Die Verletzung des lyrischen Ich liegt darin, dass seine sozialistische Überzeugung verletzt wird durch die politische und gesellschaftliche Realität in der DDR. Das „zerrittene Hirn“ (Z. 5) steht metaphorisch für Verzweiflung; eine ähnliche, blassere Metapher wäre das zermarterte Hirn, es entsteht also das Bild einer scheinbar ausweglosen Situation bzw. der verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus beispielsweise dem fundamentalistischen Dogmatismus der Partei.
Der deutliche Ausruf „Ich will keinen sehn!“ (Z. 6) sowie die Imperative „Bleibt nicht stehn! (Z. 7) und „Glotzt nicht!“ (Z. 8) erzeugen den Eindruck einer sehr „bissigen“, abweisende und sich isolierende Haltung des lyrischen Ich. Durch die umgangssprachlich verkürzten Verben „sehn“ (Z. 6) und „stehn“ (Z. 7) richten sich die Verse sehr direkt und verbindlich gegen die bürokratischen Verfechter des sozialistischen Realismus, in deren einheitliches Bild des „Kollektivs“ (Z. 9) das lyrische Ich offensichtlich nicht passt. Durch die Aufforderung, nicht stehen zu bleiben und nicht zu „glotzen“ (vgl. Z. 8), wird deutlich gemacht, dass sich die Leute nicht auf ihn als verpönten Außenseiter konzentrieren sollen, denn „Das Kollektiv liegt schief“ (Z. 9), nicht das lyrische Ich. Die Metaphorik des „schief Liegens“ (vgl. Z. 9) steht für die falsche Richtung, in die das Volk durch den sozialistischen Realismus getrieben wird, steht. Durch diese Metapher stellt der Dichter die allgemein anerkannte Norm in Frage, dass alles, was von der Masse abweicht und sich nicht anpasst, „schief liegt“, also irgendwie falsch oder schlecht sei, denn nach Absicht des lyrischen Ichs liegt die Masse, die eigentlich die Norm vorgibt, falsch.
Die Aussage „Ich bin der Einzelne“ (Z. 10) betont wieder das eigenständige Individuum. Anschließend greift der Dichter das Bild des schief liegenden Kollektivs wieder auf (vgl. Z. 11), das sich vom Individuum, dem lyrischen Ich, „isoliert“ (Z. 12) hat und durch diese Isolation selbst den Vorgaben des sozialistischen Realismus widerspricht. So tut das von der DDR gewünschte Kollektiv also genau das, was dem Sprecher des Gedichtes offensichtlich vorgeworfen wird, und somit widerspricht es sich selbst. Die zentrale Bedeutung der Isolation wird durch die besondere Hervorhebung des Verbs „isoliert“ kenntlich gemacht; es steht allein in einer Zeile und die Buchstaben sind weiter auseinandergerückt, was diese Isolation verbildlicht.
Die Personifikation des Kollektivs verdeutlicht hier die Dynamik der Masse und gibt ihr quasi einen Charakter, einen Willen, wohingegen der einzelne Mensch folglich charakterlos und Uneigenständig ist.
„Stiert mich so verständnisvoll nicht an“ (Z. 13) spiegelt die Situation wider, in der sich das lyrische Ich befindet. Das Verständnis in dem stierenden Blick spielt auf die Außenseiterposition des lyrischen Ich an und der Imperativ „stiert […] nicht“ (Z. 13) drückt aus, dass es kein Mitleid dafür will. Das nicht sehr verständnisvolle und daher gegensätzliche „stieren“ ruft die Assoziation von Wut und Ungeduld hervor und verweist dagegen auf den Druck, der ihm entgegenkommt, weil es sich nicht nahtlos ins Einheitsbild des Kollektivs einreiht.
Indem er sagt, dass „sie“ (vgl. Z. 15) „mit ernster Sicherheit“ (Z. 15) darauf warten, dass er ihnen „in das Netzt der Selbstkritik schwimmt“ (Z. 17), verweist der Dichter auf die versteifte Bürokratie der DDR. „Sie“ sind in diesem Fall genau diese versteiften, humorlosen Bürokraten, die Verfechter des sozialistischen Realismus. „[D]as Netzt der Selbstkritik“ (Z. 17) ruft die Assoziation eines relativ schwachen Meeresgetiers hervor, welches sich in einer äußerst misslichen Situation befindet und dieser hilflos ausgeliefert ist. In dieser Lage würde das lyrische Du das lyrische Ich also gern sehen: Sich windend vor Einsicht und sich ins eigene Fleisch schneiden. Der Vergleich des lyrischen Ich mit einem vor Stärke strotzenden Hecht in der nächsten Strophe wirkt daher fast überlegen, da es klar scheint, dass es sich nicht „aufs Brot“ (Z. 21) streichen lassen wird. Durch die folgende recht blutrünstige und Erläuterung des Zerhackens und Zerfleischens wirkt die Strophe noch bösartiger und sarkastischer.
Die Metapher „Hechts“verdeutlicht auch die Stärke, die dieser von oben erwünschten Hilflosigkeit widerspricht und Entschlossenheit demonstriert. Einerseits der Bürokratie, aber bezogen auf das „Netzt der Selbstkritik“ auch sich selbst gegenüber; das heißt, er wird seiner kritischen Überzeugung treu bleiben. Die umgangssprachlichen Verkürzungen „durchn Wolf“ (Z. 20)und „aufs Brot“ (Z. 21) wirken sehr direkt und dadurch provokant, die gesamte Aussage „Ihr müsst mich zerfleischen, zerhacken, durchn Wolf drehen, wenn ihr mich aufs Brot wollt“ (Z. 19-21) steht metaphorisch für eben diese Standhaftigkeit und dafür, dass sich das lyrische Ich niemals dem nach den Richtlinien des sozialistischen Realismus verstümmelten Kollektiv anschließen würde – sie werden ihn also niemals „klein kriegen“. Auch hier wirken die umgangssprachlichen Verkürzungen „durchn Wolf“ und (Z. 20)„aufs Brot“ (Z. 21) sehr direkt und dadurch provokant.
Durch all diese rhetorischen Figuren wird die provokante und trotzige Aussage des Gedichtes untermauert. Beispielsweise die Abkapselung des lyrischen „Ich Ich Ich“ (Z. 1), das „keinen sehn“ (Z. 6) will, die Unkameradschaftlichkeit durch Ausrufe wie „Glotzt nicht!“ (Z. 8) und ebenso die Äußerung von solch extrem negativen Emotionen wie „Haß“ (Z. 2) verdeutlicht die extrem abneigende Haltung gegenüber der SED und dem sozialistischen Realismus.
Es ist sehr offensichtlich, dass der Autor identisch mit dem lyrischen Ich ist, da Wolf Biermann von den Einschränkungen der Kulturpolitik in der DDR direkt betroffen war. Er ließ sich jedoch nicht einschüchtern oder davon abhalten, kritische Texte zu schreiben: „Aber ich bin der Hecht!“ (Z. 18).
Das Gedicht gibt die individuelle Wahrnehmung und die Einstellung des Autors wieder, sich nicht vom Druck der Öffentlichkeit manipulieren oder einschüchtern zu lassen.
Das Gedicht passt eindeutig nicht ins Bild des sozialistischen Realismus, der das Konzept der SED zu Manipulation des Volkes darstellte. Es ist zwar in klarer, direkter und so für jeden verständlicher Sprache geschrieben, wie es auch der aufs Proletariat ausgerichtete sozialistisch Realismus angibt, jedoch beinhaltet es weder den gewünschten sozialen Optimismus noch heroisiert es in irgendeiner Form das Arbeitertum oder die Eingliederung in eine Gemeinschaft. Vielmehr erhält das Individuum eine zentrale Bedeutung, indem es gegen diese Chancenlosigkeit des Individualismus ankämpft. Somit widerspricht es definitiv dem sozialistischen Realismus.
Der Text wirkt sehr autobiographisch, da er genau die Probleme widerspiegelt, die Biermann in der DDR Gesellschaft hatte, nämlich dass er im Prinzip seit Beginn seiner Karriere mit kritischen Augen von der Partei betrachtet wurde, da er sich definitiv nicht ins Kollektiv einreihte oder den real existierenden Sozialismus der DDR in den Himmel lobte, wie diese es gern gesehen hätte. Er kritisierte stets die herrschenden Zustände.
Das Gedicht drückt deutlich und realistisch die Gefühle aus, mit denen in der DDR wahrscheinlich viele Menschen zu Kämpfen hatten, denn es gab dort kaum Privatsphäre oder individuelle Entfaltung; alle waren eingeschränkt in ihrem Handeln und der Freiheit, ihre Meinung zu äußern. Somit schimpft Wolf Biermann genau so rücksichtslos, wie es wahrscheinlich viele Menschen gern getan hätten, aber es nicht öffentlich gewagt haben, er kritisiert also realistisch die Probleme, die das Volk tatsächlich hatte. Das Gedicht greift nicht die Ideologie an, sondern den Missbrauch des Sozialismus seitens der Partei und deren strengen Richtlinien des sozialistischen Realismus.
Das Gedicht drückt sehr überzeugend und anschaulich die Emotionen des Dichters bezüglich der Zustände in seiner Wahl-Heimat DDR aus. Man kann sich gut in die in Gefühle der DDR Bürger gegenüber ihrer eingrenzenden Einparteienregierung hineinversetzten, gerade weil es sehr emotionsgeladen wirkt.
Eigentlich bevorzuge ich persönlich Texte, die Gefühle eher in abstrakten Bildern ausdrücken, aber unter Berücksichtigung des politisch-gesellschaftlichen Hintergrundes scheint mir die direkt Ausdrucksform des Dichters sehr passend.
Das Gedicht „Über das Elend der Philosophie“ von Wolf Biermann erschien ebenfalls 1965 in seinem Gedichtband „Die Drahtharfe“ und thematisiert die ausschließlich auf die geistige Ebene beschränkte Auseinandersetzung der Deutschen mit ihren Problemen bzw. die Unfähigkeit deutscher Denker, ihre Theorien sinnvoll in die Praxis umzusetzen.
Es besteht aus drei Strophen; die erste Strophe hat vier Verse, die zweite sieben und die dritte fünf. Weiterhin ist in dem reimlosen Gedicht kein durchgängiges Metrum erkennbar, die generelle Struktur ist also sehr unregelmäßig. Aufgrund dieses Mangels an Regelmäßigkeit sowie Zeilensprüngen in Vers 5/6 und Vers 13/14 ist der Rhythmus des Gedichtes zerhackt. Die Verse sind überwiegend sehr lang, was ebenfalls diesen Rhythmus und die unregelmäßige Struktur unterstützt.
Das Gedicht hat keinen Sprecher, richtet sich aber appellativ an die Deutsche Nation und drückt expressiv die Missstände in der DDR aus. Durch die äußere Situation der verstümmelten und trotzdem schreibenden Philosophen wird die Situation dargestellt, in der sie bzw. ihre Theorien sich tatsächlich befinden: In Deutschland setzt man sich grundsätzlich auf geistiger Ebene mit Problemen auseinander, anstatt etwas konkretes zu unternehmen.
Die erste Strophe beschreibt die „Geistigkeit“ (vgl. Z. 1/2) der Deutschen und gibt das Bild dieser Geistigkeit als eine relativ abstruse Behinderung und gleichzeitig als eine unwirkliche Träumerei wieder. Die zweite Strophe beschreibt Deutschlands Denker, die trotz extrem beeinträchtigender Verstümmelungen ihrer Hände, verursacht aufgrund unvorsichtigen Umgangs mit Fabrikmaschinen, nicht aufhören zu schreiben. In der dritten Strophe wird dieses mitleiderregende Bild der kaputten Philosophen wieder aufgenommen, indem sie in ihrer Qual zusätzlich auf einen „Sockel“ (Z. 14) gestellt werden.
Das Verb „geistig“ (Z. 1 /2) bezieht sich auf die typisch deutsche Ver- und Bearbeitung von Problemen auf theoretischer Ebene, wobei die gesteigerte Form des Verbs sich möglicherweise auf einen Vergleich mit anderen Ländern wie beispielsweise Frankreich bezieht, denn dort fand eine tatsächliche Revolution statt, welche in Deutschland hingegen nie erfolgreich ihren Weg aus den Köpfen der Intellektuellen fand. Aus der gesteigerte Form der „geistiger[en]“ „Probleme[n] der Deutschen“ (Z. 2) spricht Überheblichkeit, die aber offensichtlich ironisch gemeint ist, da diese Geistigkeit nie Resultate bringt; die Problemlösung blieb auf Bücher beschränkt.
Die Bezeichnung der Philosophie als einen „flinke[n] Hinkefuß“ (Z. 3) steht für eine Behinderung des „Volkes“ (Z. 3), die durch die Vergeistigung aller Probleme entstand, anstatt konkrete Veränderungen für das Volk zu schaffen. „[F]linke[r] Hinkefuß“ (Z. 3) ist außerdem ein Oxymoron, welches die Widersprüchlichkeit in der vermeintlichen Problembewältigung innerhalb der Gesellschaft darstellt, denn Gedanken sind „flink“ und wandelbar, aber, solange sie bloße Gedanken bleiben, unnütz für das praktische Leben. Dieses Bild der „flinken“ Gedanken wird im folgenden Vers wieder aufgegriffen, denn „Die Philosophie wird uns das Fliegen beibringen“ (Z. 4), zumindest denen, die sich mit ihr auseinander setzten, und zwar fliegen im Geiste. Ob schwärmerische Träumerei, tatsächlich intelligente Gedanken oder geistige Tiefflüge sei dahingestellt, für das Volk jedenfalls bedeutet es letztendlich wenig ertragreiches herumschweben in theoretischen Traumwelten weit entfernt von der Realität.
Die direkte Anrede „Deutsche!“ (Z. 5) macht den Appellcharakter des Gedichtes deutlich. „Das schlechte Gewissen[, dass] […] eure Philosophen in die Fabriken [treibt]“ (Z. 6) bezieht sich darauf, dass Deutschland tatsächlich auch versucht, Theorie in Praxis umzusetzen, und verweist vermutlich auf den „Bitterfelder Weg“. „Fabrik“ (Z. 6) ist hier eine Metapher für physische Arbeit. Der „Ruß, [der ihnen] in die Zimmerluftlungen dringt“ (Z. 7), steht sinnbildlich dafür, dass ihnen diese körperliche Arbeit nicht wirklich bekommt, denn oft lässt sich dass, was in der Theorie so schön klingt, weniger hübsch in die Tat umsetzten. Doch Deutschlands Denker geben nicht auf; auch – um diese Metapher weiterzuführen – , wenn durch die Unerfahrenheit bei der Bedienung der Maschinen die „rechte Hand unter den Hammer“ (Z. 8) kommt und „die Linke abgequetscht“ (Z. 9) wird, geben sie nicht auf, an ihrer Theorie festzuhalten und mehr oder weniger munter weiter zu sinnieren. Das heißt, wenn in Deutschland etwas gesellschaftlich in die Tat umgesetzt wurde, hackte man sich so manches Körperteil ab, d.h., man verletzte die Gesellschaft in irgendeiner Form und kam nicht voran, doch man hielt trotzdem an den Idealen der Theorie fest, ideologisch vor allem das dogmatische Regime der DDR. Die Theorie –oder vielmehr Utopie – war der Kommunismus, der Weg dorthin laut DDR der real existierende Sozialismus doch die Realität war eine gesellschaftsverstümmelnde Einparteiendiktatur.
Die recht bösartigen Metaphern von Theoretikern, die sich versehentlich durch Fräsen und Hämmern ihrer Hände entledigen, zeigt deutlich den Zynismus, mit dem der Dichter mit dem Thema umgeht.
„Die Theorie“ […] steht nackt und verschämt auf dem Sockel der Nation“ (Z. 12-14) ist eineAllegorie. Die Theorien und Ideen der Philosophen „ – Lob und Schande – “ (Z. 12) sind teilweise recht gut und sinnvoll, werden jedoch bei dem Versuch der Umsetzung in die Praxis derart verfälscht, dass die eigentlich dahinter stehende Idee kaum noch zu erkennen ist. So stehen die Begründer dieser Philosophien „nackt und verschämt auf dem Sockel der Nation“ (Z. 13/14), da sie durch die fehlgeschlagene Praxis etwas repräsentieren, was ihren Ideen nicht ent- oder sogar widerspricht.
„Mit abgeschlagenen Händen“ (Z. 15) greift die Metapher des Missgeschicks in der Praxis auf, welche hier auch auf die Verstümmelungen der Theorie und Philosophie an sich hinweist. „[A]ltjüngferlich und schön“ (Z. 16) bezeichnet die theoretisch hübsch klingenden Gedanken und Bilder der Philosophie, die gewahrt werden, doch tatsächlich ist diese missbraucht und geschändet, wie das vorhergehende mitleiderregende Bild der Verstümmelung beweist. „[A]ltjüngferlich und schön“ (Z. 16) steht gleichzeitig auch dafür, dass der wirkliche Kern dieser Theorie praktisch immer unberührt bleibt.
Die Aussage des Gedichtes ist offensichtlich stark angelehnt an das Marx-Zitat „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“[2] und bezieht sich auf die falsche Auslegung und Herangehensweise an die Philosophie des Kommunismus in der DDR. Der Kommunismus ist die über allem schwebende Ideologie und das noch in weiter Ferne liegendes Endziel der Partei. Doch durch die Unfähigkeit, diese Theorie vernünftig in die Praxis umsetzten zu können – sie nannten es real existierenden Sozialismus –,wird sie letztendlich verstümmelt und verfremdet, vermeintlich „altjüngferlich und schön“ (Z. 16), aber tatsächlich wurde Theorie sowie auch ihre Begründer verfälscht und missbraucht. Ihr eigentlicher Inhalt jedoch wurde nie berührt. „Das Elend der Philosophie“ ist, dass sie Philosophie bleibt.
Auch diese Überschrift ist ein Marx-Zitat, was die Anlehnung Biermanns an seine Philosophie noch verdeutlicht[3].
Biermann bezieht sich in diesem Gedicht offensichtlich auf Karl Marx. Indem er die Zustände in der nach dem Kommunismus strebenden DDR anhand eines Marx Zitats kritisiert, verwendet er einen der Begründer ihrer Philosophie gegen sie, was das Gedicht mit Sicherheit äußerst brisant und gewagt machte. Natürlich widerspricht auch dieses Gedicht dem sozialistischen Realismus, da weder Arbeiter heroisiert noch Euphorie für den Sozialismus geschürt wird; hier hacken sich unfähige Möchtegern-Arbeiter die Hände ab und Schänden den Kommunismus. In Anbetracht der Tatsache, dass es laut dem Text wahrscheinlich die DDR selbst ist, die für diese Schändung verantwortlich ist, dürfte dieses Gedicht für Biermann als Kritiker des DDR Systems, aber Anhänger der Marx’schen Philosophie, ein relativ genialer Schachzug gewesen sein und mindestens die gewünschte Provokation mit sich gebracht haben.
Somit ist das Gedicht ein für Biermann typischer, von sarkastischem Humor
und Provokation gekennzeichneter, systemkritischer Text, der den DDR Behörden bestimmt alles andere als recht war: Genau wie die „Rücksichtslose Schimpferei“ erschien auch dieses Gedicht in „Die Drahtharfe“ und trug somit zu einem 11-jährigen Auftritts- und Veröffentlichungsverbot bei für Biermann bei.
Biermann stellt in diesem Gedicht ohne große Umwege, realistisch insbesondere die deutsche Unfähigkeit zur konkreten Lösung gesellschaftlicher Probleme dar und kritisiert gleichzeitig die Verhältnisse in der DDR auf eine indirekte, jedoch sehr intelligente Art und Weise, denn indem er ihre eigenen Philosophen gegen das System der DDR verwendet, trifft er den Kern der Sache sehr effektiv.
„Über das Elend der Philosophie“ ist eines der wenigen Biermann-Texte, die rein äußerlich eher nach einem Gedicht als nach einem Lied aussehen. Die Tatsache, dass die Sprache des Gedichtes weniger direkt ist, ist meiner Ansicht nach positiv, denn die kritische Aussage ist zwar ein wenig mehr „verpackt“ als sonst, aber trotzdem klar erkennbar. Man findet jedoch nur einen Zugang zu dem Gedicht, wenn man sich wenigstens Ansatzweise mit der Geschichte der DDR bzw. der Philosophie des Marxismus/Kommunismus auseinandergesetzt hat, da viele Bezüge angesprochen werden, die man sonst nicht verstehen kann.
Das Gedicht „Rücksichtslose Schimpferei“ ist ein für Biermann sehr typischer Text. Die Sprache ist direkt und äußert offen Kritik an den extremen Einschränkungen durch den sozialistischen Realismus. „Über das Elend der Philosophie“ hingegen kritisiert das bürokratisierte System der DDR nicht ganz so direkt, jedoch nicht minder erfolgreich, denn der Bezug zu dem Zitat von Karl Marx ist ein sehr effektiver Seitenhieb auf das System der DDR, wenn nicht gar ein Schlag in die Magengrube, während die „Rücksichtslose Schimpferei“ im sinnbildlichen Vergleich eher ein verachtendes Spucken ins Gesicht wäre.
Die hintergründigen Motive der Gedichte sind ähnlich, beide provozieren und kritisieren das System, das eine direkt und offensiv, das andere eher indirekt, doch trotzdem gezielt.
Die beiden ausgewählten Gedichte aus dem Gedichtband „Die Drahtharfe“ sind sehr repräsentativ für Biermann, denn fast alle seine Lieder und Gedichte kritisieren auf sehr direkte und Art und Weise die Bürokratisierung und den Mangel an individueller Entfaltung in der DDR sowie die Verfälschung der sozialistischen Grundidee. Insbesondere die „Rücksichtslose Schimpferei“ ist ein sehr Biermann-typisches Gedicht, da es offensiv das anprangert, was ihm an der DDR nicht passt und seiner Meinung nach falsch ist. Noch provokanter ist das zweite Gedicht, allerdings auf eine für Biermann nicht wirklich typische Art und Weise, das aber aufgrund der Anlehnung an das Marx-Zitat den Kern des Problems der DDR bzw. den Kern der Kritik Biermanns sehr gezielt auf den Punkt bringt.
Der gesamte Gedichtband „Die Draht Harfe“ ist aufgrund des folgenden Auftritts- und Publikationsverbotes sehr bezeichnend für seinen Autoren sowie für die gesamte Zeit, weil daraus die Handlungsweise der DDR-Behörden gegenüber Kritik sehr deutlich wird und daher sehr geeignetes Werk zur Repräsentation der DDR und ihren Umgang mit Literatur.
Die deutsche Sprache ist geistiger.
Die Probleme der Deutschen sind geistiger.
Die Philosophie war der flinke Hinkefuß unseres Volkes.
Die Philosophie wird uns das Fliegen beibringen.
Deutsche! Das schlechte Gewissen
Treibt eure Philosophen in Fabriken,
da dringt ihnen Ruß in die Zimmerluftlungen.
Und kommt ihre rechte Hand unter den Hammer,
lernen sie schnell schreiben mit der Linken.
Wird die Linke abgequetscht unter der Fräse,
schreiben sie mit dem Mund.
Die Theorie – Lob und Schande –
Steht nackt und verschämt
Auf dem Sockel der Nation,
mit abgeschlagenen Händen,
altjüngferlich und schön.
Bin voll Hass
Bin voll Härte
Der Kopf zerschnitten
Ich will keinen sehn!
Bleibt nicht stehn!
Glotzt nicht!
Das Kollektiv liegt schief
Das Kollektiv hat sich von mir
i s o l i e r t
Stiert mich so verständnisvoll nicht an!
Ach, ich weiß ja schon
Ihr wartet mit ernster Sicherheit
Dass ich euch
In das Netzt der Selbstkritik schwimme
Ihr müsst mich zerfleischen
Zerhacken, durchn Wolf drehn
Wenn ihr mich aufs Brot wollt!
[1] www.geocities.com/Athens/Forum/9962/startbiermanns.html
[2] Klaus, Georg (Hg.)u. Buhr, Manfred (Hg.), Philosophisches Wörterbuch ( Marx/Engels 3,7)
[3] „Das Elend Der Philosophie“(1847) ist der Titel einer Streitschrift Karl Marx’ gegen Proudsons „Das System der Ökonomischen Widersprüche oder die Philosophie des Elends“ (Paul-Heinz Koesters, Ökonomen verändern die Welt)