Facharbeit Deutsch 2003
Johanna Worm
Else Lasker-Schüler

1869-1945
„Nichts
geschieht wirklicher als in meinem Kopf“
2.1.3 Lasker-Schülers Einfluss auf den Expressionismus
3. Textimmanente Interpretation zweier Gedichte
3.3 Vergleich der beiden Gedichte
Der Prosaband „Die
Nächte der Tino von Bagdad”, eine Sammlung orientalischer Geschichten, wird
1907 veröffentlicht. Sie identifiziert sich namentlich mit der Titelheldin und
nennt sich „Tino von Bagdad”. Das Gedicht „Ein
alter Tibetteppich” erscheint am 8.12.1910 in der Wochenschrift „Der Sturm”, die von ihrem zweiten
Ehemann Herwarth Walden redigiert wird. Weitere Veröffentlichungen werden in
Karl Kraus´ „Die Fackel” und anderen
Zeitschriften des Expressionismus abgedruckt. Ihr dritter Gedichtband erscheint
1914 unter dem Titel „Prinz von Theben”. Die langjährige
Eigenart, sich Phantasienamen zu geben und ihr unkonventioneller Lebensstil
stoßen zunehmend auf Kritik in der Gesellschaft.
Am 14.12.1927 stirbt ihr Sohn Paul an
Tuberkulose. Lasker-Schüler ist tief betroffen und beginnt sich vom
öffentlichen Leben abzuwenden. In dieser Zeit werden keine Werke von ihr
veröffentlicht. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erhält
Else Lasker-Schüler Publikationsverbot und emigriert in die Schweiz. Von dort
aus bereist sie 1934, mit Unterstützung des Jüdischen Kulturbundes, Palästina.
1937 besucht sie zum zweiten Mal Palästina und verarbeitet ihre Reiseerlebnisse
in dem Prosaband „Das Hebräerland”.
1938 entziehen die deutschen Behörden der jüdischen Schriftstellerin die
Staatsbürgerschaft.
Während ihrer dritten Palästinareise im
Jahre 1939 bricht der 2. Weltkrieg aus. Das Einreisevisum wird ihr von der
Schweiz verweigert und zwingt sie, fortan in Jerusalem zu leben. Dort wird ihr
letzter Gedichtband „Mein blaues Klavier”
1943 publiziert.
Am 22.01.1945 stirbt Else Lasker-Schüler mit
76 Jahren im Exil.
1.
2 Künstlerisches Lebenswerk (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
Das künstlerische Schaffen Lasker-Schülers
beginnt in ihrem Atelier in Berlin. Dort verbringt sie ihre Freizeit mit
Zeichnen, ohne jedoch Werke zu schaffen, die ihrem späteren künstlerischen Ruf
gerecht werden. Es ist anzunehmen, dass diese Betätigung sie in Kontakt mit
bedeutenden Malern ihrer Zeit brachte, die zudem als Repräsentanten des
Expressionismus galten. Es ist bekannt, dass sie während ihres vagabundierenden
Lebens Maler wie Marc und Kokoschka kennen gelernt hat (s. Lebenslauf). Sie
haben weniger Einfluss auf ihr malerisches Wirken gehabt, da sie sich zu dieser
Zeit schon intensiv mit der Lyrik beschäftigte. Allerdings scheint es sehr
wahrscheinlich, dass diese Maler mit ihren Ideen des Expressionismus Einfluss auf das Denken und die Sichtweise
der Lasker-Schüler ausübten.
Ihre ersten Lyrikbände „Styx” und „Der siebente
Tag” (1902) sind noch vom
Impres-sionismus geprägt und weisen starke Elemente Jugendstils auf.
Bereits ihr zweiter Gedichtband „Der
siebente Tag” (1905) wird dem
Expressionismus zugeordnet. Seinem Erscheinen gingen die Trennung von ihrem
Mann und die Begegnung mit Herwarth Walden voraus. Er führt sie in die Berliner
Cafès ein, die zu dieser Zeit von Literaten, Malern und Schauspielern bevölkert
sind, die den vorherrschenden spießigen Kunstgeschmack nicht teilen. Sechs
Jahre später wird ihr dritter Gedichtband „Meine
Wunder” (1911) erscheinen.
In der Zwischenzeit beschäftigt sie sich
intensiv mit orientalischen Mythen und beginnt in einer Welt von
fremdländischen Gestalten und Sagen zu leben. Ein Prozess der
Selbstmystifizierung fängt an. Ihre Prosabände „Das Peter-Hille-Buch”, das die Beschäftigung mit dem Tod zum Thema
hat und „Die Nächte der Tino von Bagdad”
werden 1906 und 1907 veröffentlicht. In dieser Zeit gibt sie sich den Namen
ihrer Titelfigur, „Tino von Bagdad”, kleidet sich mit bunten Tüchern und
orientalischen Gewändern und lebt ein unstetes Leben, bei dem sie auf die
Unterstützung vieler Freunde angewiesen ist. In dieser Zeit entsteht ihr erstes
Theaterstück „Die Wupper” (1909), in
dem sie ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen in Elberfeld verarbeitet.
Im Jahre 1913 wird ihr dritter Lyrikband „Hebräische Balladen” veröffentlicht.
Er ist der Grundstein für ihr weiteres Leben, das in Jerusalem enden wird.
Lasker-Schüler vertieft sich in die Welt des Judentums und kehrt damit zu ihren
familiären Wurzeln zurück. Die
Identifikation mit ihren Werken geht so weit, dass sie sich nun „Prinz von
Theben” nennt. Dieser Name ist auch der
Titel ihres vierten Gedichtbandes „Prinz
von Theben” (1914). In dieser Zeit veröffentlicht sie viele Gedichte und
Prosastücke in Zeitschriften, wie „Der Sturm”, „Die Aktion” und „Das neue
Pathos” und begibt sich auf Vortragsreisen. Diese Auftritte mehren ihren Ruf
als bedeutende Künstlerin des deutschen Expressionismus und führt dazu, dass
nun ältere Werke wieder in das Interesse der Kunstwelt rücken. So wird 1919 ihr
Theaterstück „Die Wupper” in Berlin
aufgeführt, obwohl sich Lasker-Schüler zu dieser Zeit schon lange mit anderen
Themen in ihren Werken beschäftigt. Das erklärt, warum kaum zwei Jahre nach der
Uraufführung dieses Stückes, dessen Thematik weit in die Vergangenheit der
Künstlerin zurück reicht, die Erzählung
„Der Wunderrabbiner von Barcelona” erscheint, die eher die innere Welt der
Lasker-Schüler in diesen Jahren widerspiegelt.
Es erscheinen sogar Gedichte in einer Sprache, die die Künstlerin als Gabe ihres Vorlebens sieht und die real wohl nie existierte. Mit dieser extremen Abwendung vom gängigen Kulturbetrieb ihrer Zeit verstärkt sich auch die Kritik an ihrem künstlerischen Werk und an ihrem Lebensstil. Die bürgerliche Presse berichtet zunehmend negativ über ihre Extravaganzen und lehnt ihre Veröffentlichungen ab. Dies führt dazu, dass ihre Verleger, die sie bis dahin unterstützt haben, von ihr zurückziehen. Lasker-Schüler ist so verbittert, dass sie sich 1925 mit der Schrift „Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger” an ihre Leserschaft und an das Verlegertum wendet. In ihr rechnet sie schonungslos mit Kritikern und Verlagen ab und wirft ihnen Zensur und Zeitgeschmack vor. Sie hat sich mit der von ihr selbst geschaffenen Scheinwelt und ihrer Selbstmystifizierung vom realen Leben so weit entfernt, dass die Brücken brechen. Dieser Umstand und der Tod ihres Sohnes führen zu einer vorübergehenden Pause in ihrem künstlerischen Schaffen und sie zieht sich aus dem öffentlichen Leben immer weiter zurück. Es ist erstaunlich, dass ihr sechs Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung, der renommierte Kleist-Preis im Jahre 1932 für ihr Lebenswerk zuerkannt wird. Diese Tatsache belegt das große Ansehen, das Lasker-Schüler in der Kunstwelt noch kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten erreicht. Es zeigt aber auch, dass ihr künstlerische Schaffen von da ab nicht mehr von ihr selbst bestimmt und gestaltet werden kann, sondern weitestgehend von den politischen und persönlichen Umständen ihres Lebens abhängig ist. Das Publikationsverbot im Dritten Reich trägt ebenso dazu bei wie ihre Emigration in die Schweiz. Dort kann sie noch einmal mit dem Theaterstück „Arthur Aronymus und seine Väter” 1936 in der Kulturszene auf sich aufmerksam machen. Ihre weiteren Werke, „Das Hebräerlied” aus dem Jahre 1937, ein Prosaband, in dem sie die Eindrücke ihrer zweiten Palästinareise verarbeitet und die Tragödie „Ichundich” aus dem Jahre 1940, in der sie zum ersten Mal zum politischen Geschehen während der Nazizeit und ihrer Emigration Stellung nimmt, werden in Deutschland aus politischen Gründen ebenso nicht mehr zur Kenntnis genommen, wie ihr letzter Gedichtband „Mein blaues Klavier” (1943), der in Jerusalem veröffentlicht wird. Alle diese Arbeiten sind als Exilwerke erst nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur in Deutschland bekannt geworden.
Der Expressionismus ist eine Reaktion auf
den naturwissenschaftlich orientierten Natu-ralismus und basiert auf der
Ausdruckskunst der Innenwelt des Menschen. Innerlich gesehene Wahrheiten,
Erlebnisse und eigene Empfindungen werden in Kunstwerken äußerlich sichtbar
widergespiegelt. Der geistige und ästhetische Protest gegen die althergebrachte
Kultur und bürgerliche Gesellschaft ist ein Markenzeichen des Expressionismus.
Angegriffen wird hierbei das selbstgenügsame wilhelminische Bürgertum, das auf
alten Autoritätsstrukturen und leeren Bildungsidealen aufgebaut ist.
Die Motivkomplexe der Expressionisten sind
Angst, Tod, Wahnsinn, Krieg und Melancholie. Die Brücken zur Vergangenheit
werden mit der Aussicht auf Revolution und Erneuerung abgebrochen. Visionen vom
Weltende und Krieg erwecken den Wunsch nach einer neuen Menschenart und einer
neuen Welt, da die alte Ordnung, die von Militarisierung, industrieller
Entwicklung und neuen Technologien geprägt ist, den Menschen von sich und der
Natur immer mehr entfremdet hat. Diese provozierende Auflehnung gegen das
kapitalistische Wirtschaftssystem und seine imperialistischen Tendenzen, die
rasant zunehmende Industrialisierung und die destruktive Mechanisierung des
Arbeitslebens soll die Selbstentfremdung und Unterdrückung des Menschen mit
seinen Bedürfnissen verhindern.
2.1.1
Sprache und Absichten (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
2.1.2
Historische Situation (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
2.1.3
Lasker-Schülers Einfluss auf den Expressionismus (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
Sie verkörperte in ihrer Zeit eine
extravagante Persönlichkeit und lebte in der von ihr erschaffenen „Thebenwelt”,
in der sie ihre Protesthaltung gegen Spießertum und bürgerliche Tradition kund
tat. Sie lehnte die überkommene Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft
strikt ab und provozierte mit exzentrischem Auftreten durch Tragen von Hosen
und durch kurz geschnittenes Haar.
Ihre Gedichte, die vorwiegend liedhaft sind
und subjektive Erlebnislyrik verkörpern, bereicherten die deutsche Lyrik um
neue archaische und moderne Elemente. Sie war eine der ersten Lyrikerinnen, die
den uralten überlieferten Formschatz hebräischer Rhythmen verbreitete wie in
ihrem Gedichtzyklus „Hebräische Balladen” von 1913. Weiterhin war sie eine
große Dichterin der Liebe und des Glaubens, was sich häufig in ihren Balladen
und Liedern manifestierte. Ihre Dichtung ist von mythischen und orientalischen
Klängen geprägt, was eine Neuheit für den Expressionismus war. Sie malte zarte,
märchenhafte Gestalten, die wie ein Spiegelbild ihres öffentlichen Auftretens
in der Gesellschaft waren.
Ihre Vision vom toleranten Zusammenleben
zwischen Christen und Juden zeigt sich
in dem Theaterstück „Arthur Aronymus” (1932). Lasker-Schülers Leben war von
zwei Weltkriegen und äußerster Armut geprägt, dennoch liebte sie den Glanz der
Berliner Bohème. Außerdem hatte sie viele Liebschaften, u.a. mit dem Dichter
und Arzt Gottfried Benn. All dies zeichnete sie, neben ihrer rebellischen
Einstellung in dieser Epoche, als eine moderne Frau ihrer Zeit aus.
3.
Textimmanente Interpretation zweier Gedichte
3.1
„Mein blaues Klavier” (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
Die erste Strophe handelt davon, dass das
lyrische Ich ein blaues Klavier besitzt, es aber nicht spielen kann, da es
keine Noten beherrscht. Dass das Klavier seit dem Krieg im Keller steht, kann man der zweiten Strophe
kann entnehmen. Die dritte Strophe beschreibt die Harmonie der Musik, die durch
das Kriegsgewirr zerstört wird. In der vierten Strophe wird die Zerstörung des
Klaviers und die tiefe Trauer des lyrischen Ichs deutlich. In der letzten
Strophe erkennt man die Todesahnung und
den Todeswillen des lyrischen Ichs, ebenso wie das Schicksal seiner schweren
Vergangenheit.
Das Gedicht beinhaltet mehrere rhetorische Figuren.
Die Farbe blau dominiert als Leitmotiv:
„blaues Klavier” (V.1), „blaue Tote” (V.9). Sie kann auch im Zusammenhang mit
„Himmelblau” betrachtet werden. Vermutlich bedeutet diese Farbe für die
Dichterin Unendlichkeit oder sogar Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren. Ihre
Sehnsucht nach Heimat und Frieden, bedingt durch ihre Flucht ins Exil, könnte
so groß sein wie der Himmel unendlich ist. Das Herbeisehnen einer harmonischen
Jugend, die sie durch ihre Krankheit und den frühen Tod beider Eltern nicht
hatte, ist genauso utopisch wie das Erlangen des Himmels. Die Personifikation
„die Welt verrohte” (V.4) weist auf den Kriegszustand in dieser Zeit hin.
Dadurch, dass die Welt nur durch das Eingreifen des Menschen verkommt und
es hier deutlich wird, dass die Welt
selbst „verroht” (V.4), wird die Unachtsamkeit und Intoleranz des Menschen
hinsichtlich der Weltzerstörung deutlich. Er fühlt sich nicht schuldig und
nimmt die Zerstörung hin. Die metaphorischen „Sternenhände” (V.5)
veranschaulichen warme ästhetische Hände. Ein Stern ist mit einer Hand zu
vergleichen, wobei die Zacken mit Fingern assoziiert werden können. Seine Farbe
drückt Wärme aus, und er ist schön anzusehen. Die Inversion, die man in
diesem Vers vorfindet, betont die Anzahl der spielenden Hände („vier”, V.5).
Die Wortschöpfung
„Mondfrau” (V.6) könnte eine Anspielung auf das Klischee des „Mann im Mond”
sein. Dadurch, dass die Dichterin das weibliche Geschlecht wählt, zeigt sie
ihre revolutionäre Emanzipation als Frau. Die Personifikation „Nun
tanzen die Ratten im Geklirr” (V.7) erzeugt eine Aktivität der Tiere. Sie
tanzen in dem „Geklirr” - eine Klangmalerei - was an das
Zerschmettern zerbrechlicher Gegenstände und somit an Scherben erinnert. Dies
unterstützt die bildhafte Vorstellung lauten Zerstörens. In Zeile 8 befindet
sich eine Inversion, die die Zerstörung des Klaviers betont. Das sprachspielerische
Element „Klaviatür” (V.8) könnte
eine doppelte Bedeutung beinhalten: zum Einen den Fachbegriff „Klaviatur”, also
die Tastatur und zum Anderen das Wort „Klaviertür”, womit die Klappe des
Klaviers gemeint sein könnte. Damit der Reim des Gedichtes nicht unterbrochen
wird, da sich „Klaviatur” nicht auf „Geklirr” (V.7) oder „mir” (V.10) reimt,
wählte die Dichterin diese Wortneuschöpfung. Die Metapher
„Die blaue Tote” (V.9) steht vermutlich für die End-gültigkeit, da sie in der
Zeit des Perfekt steht. Sie symbolisiert die sterbende Sehnsucht der Dichterin
nach Vollkommenheit im Leben. Die Paradoxie „Ach liebe Engel öffnet
mir” (V.10), welche an ein Gebet erinnert, verdeutlicht das naive, fast
kindliche Flehen nach dem Tode. Durch die Klage an die Engel wird der
sehnsüchtige Wunsch nach Erlösung von unvergesslichen Leiden der Dichterin
deutlich. Er ist aber nicht sofort realisierbar, da die Engel, ohne den
Gedanken des Suizides aufzugreifen, sie nicht in den Himmel bringen können. Die
Metapher
„ich aß vom bitteren Brote” (V.11) symbolisiert die schweren Zeiten im Leben
der Dichterin. Sie macht eine Anspielung auf ihre Vergangenheit. Brot ist das
Grundnahrungsmittel bei großer Armut. Wenn es „bitter” schmeckt, kann man es
wegschmeissen oder sich zwingen es zu essen, da man nicht verhungern möchte.
Lasker-Schüler meint wahrscheinlich, u.a., dass es eine Qual für sie war, sich
den Normen der Gesellschaft anzupassen. Da sie aber mit dauerhafter Rebellion
zugrunde gehen würde, weil der Widerstand der Gesellschaft zu groß sein könnte.
Also ließ sie ihren Widerwillen, neben ihren spektakulären Aktionen, wie
Verkleidung (s. Lebenslauf), verstärkt in Form von Gedichten aus. Es könnte
aber auch eine Anspielung auf ihre Flucht ins Exil sein, in der sie u.a. ein
Publikationsverbot ihrer Werke hinnehmen musste. Sie erlebte eine harte Zeit,
so wie das Brot hart wird, wenn es alt und schlecht ist. Die metaphorisch
„Himmelstür” (V.12) veranschaulicht „das Tor zum Tode”. Der Tod wird
durch den Euphemismus beschönigt, denn der Himmel steht für Freiheit und
Unendlichkeit. Die Sehnsucht nach der unendlichen Freiheit wird deutlich und
der Tod ist die Tür dorthin. Durch den Tod erhofft sich die Dichterin
vermutlich einen Erlös von Zwängen und negativen Erlebnissen.
Die Aussage des Gedichtes sind die
Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft und das lyrische Ich. Das Gedicht
lässt sich in zwei Teilbereiche gliedern, einmal in die Situation vor dem Krieg
und einmal in die danach..
Die erste Strophe könnte eine Anspielung auf
die dichterische Entwicklung Lasker-Schülers sein. Sie besaß wahrscheinlich
schon früh die Begabung des Dichtens („Ich habe zu Hause ein blaues Klavier”,
V.1), konnte sie aber nicht gleich umsetzten, da ihr womöglich die Inspiration
fehlte („Und kenne doch keine Note.”, V.2.), die sie später durch
Dichterfreunde bekam. Ein mögliches Indiz für diese These ist, dass sie ihre
künstlerische Karriere erstmalig mit dem Zeichnen anfing. Vor dem Krieg war der
Sinn für Kunst und Musik in der Gesellschaft noch vorhanden. Das Thema Liebe
spielte in dieser Zeit für die Dichterin auch eine wesentliche Rolle. Sie
spricht im fünften Vers von vier „Sternenhände”, die eine Andeutung auf ihre
Ehen sein könnten, wenn jedes Paar Hände die Anzahl ihrer Ehen widerspiegeln
würde, also zwei.
Die
romantische Stimmung und die kulturelle Bedeutung in der Gesellschaft,
verdeutlicht durch „Die Mondfrau saß im Boote”(Vers 5) , wird jedoch durch das
„Geklirr” (V.7) des Krieges zu Nichte gemacht. Eine kulturelle Gesellschaft,
sowie das Bild von einem harmonischen Zusammenleben mit einem Partner wird
somit für die Dichterin zunichte gemacht. Wobei wir bei der Situation während
des Krieges wären.
Die zweite Strophe verweist auf den
vorherrschenden Krieg, da das Klavier seit Kriegsbeginn, „Seitdem die Welt
verrohte” (V.2), zu seinem Schutze oder weil es nicht mehr gebraucht wird, im
Keller steht, „Es steht im Dunkel der Kellertür” (V.1). Die Musik wurde vom Kriegsgeschehen verdrängt oder nicht mehr
gebraucht. Man könnte auch eine Verbindung zu der inneren Welt der Dichterin
herstellen, indem das im Keller untergebrachte Klavier ihr verstecktes Innere
oder ihre Seele symbolisiert. Das Nomen „Dunkel” (V.3) unterstreicht die düstere und traurige Stimmung, die
herrscht, da der Krieg Zerstörung, Hass und Unheil mit sich bringt. Es könnte
aber auch die Angst des lyrischen Ichs vor dem Krieg widerspiegeln, da düstere
Keller etwas Unheimliches an sich
haben und vielen Menschen Angst einjagen.
In der dritten Strophe sticht der Kontrast
zwischen vor und nach dem Krieg deutlich heraus. Wo einst Menschen fröhlich
tanzten oder selbst musizierten („[...]sang im Boote”, V.6), tanzen nun „Ratten
im Geklirr” (V.7). Mit Beginn des Krieges ließen die kulturellen Interessen der
Menschen nach, da er eine primäre Rolle spielte. Die Dichterin bezieht sich auf
die Welt, die sowohl kriegerisch als auch kulturell zu Grunde geht, was man
anhand des vom Krieg zerstörten Klaviers annehmen kann: „Zerbrochen ist die Klaviatür”
(V.8). Die kaputte Klaviatur macht das Benutzen des Instrumentes unmöglich, so
wie die verwirrten, chaotischen Umstände eine kulturelle Gesellschaft unmöglich
machen. Durch das Weinen um die „blaue Tote” (V.9) wird die Trauer des
lyrischen Ichs in Bezug auf die derzeitige Situation deutlich. Assoziiert man
die Farbe Blau wieder mit dem Symbol der Sehnsucht, beweint das lyrische Ich
die Tote möglicherweise nicht nur aus Trauer, sondern auch aus Neid. Neid, dass
die bereits Toten den Kummer der Welt nicht länger ertragen müssen. Die
Erlösung von dem Leiden soll aber bald kommen, denn sie spürt, dass ihr Leben
bald beendet sein wird. Sie ist
älter geworden und ihre körperliche und mentale Erschöpfung nimmt ihr die
Leistungsfähigkeit, vergleichbar mit dem Klavier, dass durch seine kaputten
Tasten nicht mehr funktioniert und im Keller verstaubt. Das lyrische Ich fleht die Engel an, es ins Reich der
Toten zu holen: „Ach liebe Engel öffnet mir[...]die Himmelstür-” (V.10 und 12).
Sie erwähnt ihre „bittere” (V.5) Vergangenheit, mit der Lasker-Schüler
wahrscheinlich den Tod ihres Sohnes, die Scheidungen, die Angriffe und
Demütigungen der Nationalsozialisten und ihr unvermeidbares Leben im Exil meint
(s. Lebenslauf). Durch das wehleidiges Klagen an die Engel geht der
sehnsüchtige Wunsch nach Erlösung von ihrer schweren Vergangenheit und der
unzufriedenen Situation in der Welt hervor. Sie möchte nicht nur mit dem
Geschehenen abschließen, sondern auch ihr Leben beenden: „[...] öffnet mir”,
V.10 , „[...] lebend schon die Himmelstür” (V.12).
3.2
„Ein alter Tibetteppich” (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
Die erste Strophe beschreibt die
Verbundenheit zweier Seelen, verglichen mit der Verwobenheit eines Teppich. Die
zweite Strophe verdeutlicht eine harmonische Stimmung und die träumerischen
Ausschweifungen des lyrischen Ichs. In der dritten Strophe wird die körperliche
Nähe der Liebenden deutlich, da sie zusammen auf einem Teppich liegen. In der
letzten Strophe findet man die Frage des lyrische Ichs nach der bisherigen
Dauer der Liebschaft, wobei die Antwort offen bleibt.
Das Gedicht
beinhaltet eine Vielzahl von rhetorischen
Figuren.
Die Wortneuschöpfung „Teppichtibet”
(V.2) lässt sich in zwei Elemente auflösen. Sie besteht aus den Nomen „Teppich”
und „Tibet”. Der Teppich kann einmal als Gegenstand angesehen werden oder als
Substanz, woraus man schließen kann, dass das Tibet aus Teppich ist. Dadurch,
dass der Leser nicht genau weiß, welche Bedeutung gemeint ist, bewirkt diese
Wortneuschöpfung ein Schweben in der Ungewissheit. Verknüpft man den Gedanken
des Schwebezustand mit dem Teppich als Gegenstand, könnte man den Teppich als
schwebend bezeichnen, wie es bei orientalischen Märchen oft zu finden ist. Die Alliteration
„Strahl in Strahl” (V.3) und „Wang die Wange” (V.9) begünstigt den fortlaufend
harmonischen Rhythmus und trägt zu einem flüssigem Lesen des Gedichtes bei. Die
Personifikation
„verliebte Farben” (V.3) betont die Übereinstimmung und perfekte Kombination
der Farbtöne in dem Teppich. So wie verliebte Menschen sich verstehen, weil sie
vom Charakter gut zusammenpassen, oder sich ergänzen, so lässt sich das
„Verliebtsein” der Farben beschreiben. Die Hyperbel „himmellang” (V.4) soll die
Länge der Reihe der „umwarben[den]” (V.4) Sterne verdeutlichen. Da die Sterne
sich im Himmel befinden, ist der Begriff „himmellang” treffend. Die Länge, die
hier gemeint ist, lässt sich, aufgrund des bildhaften Ausdrucks, mit der Länge
des Himmels assoziieren, also unendlich. Betrachtet man diese Aussage in
Hinblick auf den Inhalt des Gedichtes, ist die Liebe des lyrischen Ichs zu der
anderen Seele wahrscheinlich unendlich. Die Personifikation „Sterne
[...] umwarben” (V.4) lässt die Sterne lebendig erscheinen, mit der Wirkung,
dass sie sich umarmen, weil das „Umwarben” Nähe ausdrückt, ebenso wie bei den
Seelen, die sich ineinander flechten (vgl. V.1-2).
Die personifizierten „Füße” (V.5), die
„ruhen” (V.5), betonen den Kontrast zwischen Seele und Körper. Das lyrische Ich
ist scheinbar so auf sein Emotionales fixiert, dass die Füsse zeitweise nicht
mehr als Teil des Körpers angesehen werden, sondern selber agieren. Ihre
Unabhängigkeit, die durch das „eigenständige Ruhen” hingenommen wird, kann man
als Schwerelosigkeit bezeichnen, da sie von der Seele nicht wahrgenommen
werden. Dieses „Nichtbemerken” kann man mit dem Verliebtsein vergleichen, wo
man in seiner eigenen, rosaroten Welt lebt und alles andere um einen herum
vergisst. Die Realität wird von der Traumwelt ersetzt. Die Metapher „Kostbarkeit”
(V5.) ist doppeldeutig und kann einmal die Beziehung der zwei Liebenden
hervorheben oder den Teppich als kostbares Exemplar. Durch diese
Versinnbildlichung wird einmal die Harmonie und Besonderheit der Beziehung
betont sowie die Schönheit und den antiken Wert des Teppichs. Die Wortschöpfung
„Maschentausendabertausendweit” (V.6) erinnert, durch die Länge des Wortes und
die Aneinanderreihung mehrerer Worte, an ein weit ausgedehntes Gewebe, wie man
es vom Teppich kennt. Sie verleiht dem Gedicht einen typisch
expressionistischen Stil, so wie die Wortschöpfung „Moschuspflanzenthron”
(V.7), welche das Begriffsfeld von „Tibet” und das Metaphergeflecht aus Teppich
unterstützt. Die Substanz „Moschus”, erzeugt vom tibetanischen Moschusrind, ist
als sexuell stimulierender Duftstoff bekannt. Ich vermute, dass das lyrische
Ich seine unerreichbare Liebe in den Thron des Aphrodisiakums setzt, um sie zu
verführen: „Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron” (V.7). Bei dem Pars
pro Toto „[...]küsst dein Mund den meinen[...]” (V.8), küsst der Mund
nicht selber, sondern steht für die Person, die das lyrische Ich küsst. Durch
die Reduktion von dem Mensch auf seinen Mund, wird eine Anschaulichkeit des
Kusses erzeugt. Das gleiche gilt für die „Wange” (V.9), die auch nicht selber
küssen kann. Die metaphorischen „buntgeknüpften Zeiten” versinnbildlichen die
Vergangenheit des lyrischen Ichs, die abwechslungsreich und chaotisch war. Denn es ist anstrengend, jemanden zu lieben,
den man nie bekommt. Ein „buntes” Leben mit Hochs und Tiefs der Gefühlswelt
kann die Folge sein. Man kann es mit dem unebenen Geflecht eines geknüpften
Teppichs vergleichen.
In den ersten drei Strophen schwärmt das
lyrische Ich von der Zweisamkeit mit der anderen Seele. Im letzten Vers jedoch
scheint es in die Realität zu blicken und sich bewusst zu machen, dass seine
Vorstellungen nicht der Wirklichkeit entsprechen, da wahrscheinlich nie ein
Kuss mit der anderen Seele ausgetauscht wurde. Im Folgenden werde ich
versuchen, diese Thesen zu belegen.
Der erste Vers verdeutlicht die Du-zu-mir-Beziehung
und somit die Wunschvorstellung des lyrischen Ichs, geliebt zu werden: „Deine
Seele, die die meine liebet”. Das Adjektiv „liebet” (V.1), was ursprünglich
„liebt” heißt, klingt durch die Erweiterung des Buchstabens „e” ungewohnt und
eher ironisch. Es reimt sich zwar auf die letzten zwei Silben in Vers 2
(„tibet”), verliert aber an seiner inhaltlichen Bedeutung. Daraus kann man
entnehmen, dass die Seele, die das lyrische Ich lieben soll, es gar nicht tut.
Die zweite Strophe beschreibt das verträumte
Welt des lyrischen Ichs, in der es sich in der Nähe der anderen Seele wohl
fühlt. Die Vorstellung von einem hamonischen Zusammensein geht aus dem
Ineinanderverlaufen der Strahlen, welche die Sympathien der Seelen verkörpern
könnten, hervor („Strahl in Strahl”,
V.3). Das lyrische Ich erkennt seine herbeisehnende Situation in den
Sternen wieder, die ein breitgeschmücktes Netz am Himmel ergeben und den Wunsch
nach Umarmung symbolisieren: „Sterne, die sich himmellang umwarben”. Die
„verliebte[n] Farben” betonen das makellose Zusammenpassen der zwei Seelen
ebenso wie die Wortkette „Maschentausendabertausendweit” (V.6), die auf den
Moment des Miteinanderseins deutet, unterstützt von ihrer optischen Wahrnehmung
beim Betrachten des komplexen Wortes. Geht man davon aus, dass die
„Kostbarkeit” in Vers 5 die Besonderheit der Beziehung widerspiegelt, ist es
wohl die Besonderheit der nicht existierenden Beziehung. Der „süße[n] Lamasohn” (V.7) , den man mit
dem Sohn des heiligen Buddhisten Dalai Lama aus Tibet in Verbindung bringen
könnte, ist ein eindeutiger Beweis für die einseitige Liebe des lyrischen Ichs.
Dadurch, dass der Eid der Enthaltsamkeit auf den Buddhisten liegt, ist der
„süße Lamasohn” unerreichbar und somit
auch die Zweiseitige Liebe zwischen dem lyrischen Ich und der andere Seele,
welche der „süße Lamasohn” ist. Ein weiteres Indiz für die trostlose Liebe
findet man in den letzten beiden Versen. Beantwortet man die rhetorische Frage
nach der Dauer der Liebe mit dem Satz „Es hat sie nie gegeben”, stimmt das Bild
des lyrischen Ichs von der perfekten Liebe mit der obigen Aussage überein.
3.3
Vergleich der beiden Gedichte (zurück zum
Inhaltsverzeichnis)
Ich
habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür…
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.
Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.
Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.
Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?
Alle Internetadressen beginnen mit „http://www.“
3) jhom.com/peronalities/else_schuler/index.htm
schueler.htm
Für die Interpretation der Gedichte wurden folgende Bücher verwendet:
Band 14, 1974